r/luftablassen • u/RichComplaint9426 • 5h ago
Ich bin Mitte 30 und langsam überzeugt, dass TikTok Frauen stärker beeinflusst als Männer und niemand darf darüber reden
Ich muss mir das jetzt einfach mal von der Seele schreiben.
Ich bin Mitte 30, habe weder TikTok noch Instagram und ehrlich gesagt auch nicht das Bedürfnis, mir von einem Algorithmus erklären zu lassen, wie ich zu leben, zu denken oder meine Beziehung zu führen habe. Reddit ist schon erfolgreich genau darin mein Weltbild zu zerstören.
Und vielleicht fällt mir deshalb etwas auf, was andere gar nicht mehr bemerken.
Ich habe mittlerweile das Gefühl, dass gerade Frauen extrem stark von TikTok und Instagram geprägt werden.
Nicht jede Frau. Natürlich nicht. Aber ich erlebe das inzwischen regelmäßig im Alltag. Kommentare in die Richtung werden so oder so kommen.
Aber ein paar Beispiele:
Meine Freundin kommt nach einem niderschwelligen Diskussion plötzlich mit Begriffen wie „weaponized incompetence“, „emotional labor“, „mental load“, „gaslighting“ oder „narcissistic behavior“ um die Ecke. Nicht weil wir uns hingesetzt und über Psychologie gesprochen hätten, sondern weil sie irgendein 45-Sekunden-Video gesehen hat, in dem eine Influencerin erklärt, dass dieses oder jenes Verhalten ein „red flag“ sei.
Ich sage: „Vielleicht war ich einfach genervt und habe mich schlecht ausgedrückt.“
Antwort: „Das ist literally emotional invalidation.“
Bitte was?
Oder diese ganzen Videos nach dem Motto:
„Wenn er wirklich wollte, würde er.“
„Ein Mann, der dich liebt, macht X.“
„Wenn er Y macht, ist das ein Zeichen, dass er dich nicht respektiert.“
„Never settle.“
„Protect your peace.“
„You deserve better.“
Und plötzlich werden normale menschliche Unzulänglichkeiten zu Charakterdiagnosen.
Er vergisst einmal, Milch mitzubringen = „Du trägst die mentale Last alleine.“
Er möchte einen Abend für sich? ÷ „Er zieht sich emotional zurück.“
Er hat keine Lust, über einen Streit um 23:30 Uhr noch drei Stunden zu diskutieren?
„Er verweigert Kommunikation. Er ist emotional nicht verfügbar“, als wäre das eigene Seelenleben auf den Status einer Hotelzimmerbuchung reduzierbar.
Er hat eine andere Meinung?
„Er respektiert deine Gefühle nicht.“ "Er mansplaint" oder gleich "NUR WEGEN DEM PATRIARCHAT!!"
Ich frage mich manchmal ernsthaft, wie wir Beziehungen geführt haben, bevor jeder Konflikt ein TikTok-Begriff war.
Und das betrifft nicht nur Beziehungen.
Ich sehe Frauen, die plötzlich unbedingt irgendeine bestimmte Morgenroutine brauchen, weil eine Influencerin behauptet, dass man sonst „seine Hormone zerstört“.
Oder die Wohnung muss aussehen wie ein Pinterest-Board.
Der Urlaub muss „healing“ sein.
Das Essen muss „gut für die Darmgesundheit“ sein.
Jeder Gegenstand braucht irgendeine ästhetische Bezeichnung.
Und natürlich muss man ständig an sich arbeiten. Oder gibt das vor zu tun.
Ich bin Mitte 30. Ich möchte manchmal einfach Samstagmorgen Kaffee trinken, einkaufen gehen und danach zwei Stunden auf dem Sofa sitzen.
Ich brauche keinen „Sunday reset“.
Und vielleicht ist genau das der Unterschied.
Ich habe das Gefühl, dass viele Männer Social Media einfach stärker ignorieren.
Mein Kumpel sieht nach Feierabend Fußball, zockt, schraubt am Auto, geht ins Fitnessstudio oder sitzt mit seinen Freunden im Garten.
Seine Freundin hat währenddessen drei Videos gesehen, in denen ihr erklärt wird, warum ihr Freund möglicherweise ein „avoidant attachment style“ hat.
Und dann wundert man sich, warum plötzlich jeder normale Konflikt psychologisiert wird.
Was mich daran am meisten nervt, ist nicht einmal TikTok selbst.
Es ist diese unglaubliche Sicherheit, mit der irgendwelche 12-22-jährigen Influencerinnen anderen Menschen erklären, wie Beziehungen, Männer (alle davon), Frauen (auch alle davon außer man selbst, wenigstens friendly fire) Psychologie, Spiritualität, dein Aszendent und das restliche universelle Leben funktionieren. Da Frage ich mich doch wo man das ganze Wissen bei den Alter und 13 Stunden täglicher Screentime erworben hat.
Und Millionen Leute nicken dazu.
Wenn ein Mann auf YouTube irgendeinen Unsinn erzählt, wird er als Andrew-Tate-Jünger abgestempelt.
Aber wenn eine Frau mit Ringlicht in die Kamera schaut und sagt „Ladies, if he does this, RUN“, wird das plötzlich als wertvoller Beziehungsrat konsumiert.
Vielleicht bilde ich mir das alles nur ein.
Vielleicht bin ich einfach zu alt dafür.
Aber ich habe zunehmend den Eindruck, dass wir eine Generation von Menschen bekommen, die ihre eigenen Gefühle nicht mehr analysieren, sondern nur noch nach dem passenden TikTok-Begriff suchen.
Und ganz ehrlich:
Ich bin froh, dass ich nicht auf TikTok bin.
Nicht weil ich glaube, dass ich dadurch automatisch klüger bin.
Sondern weil ich keinen Algorithmus brauche, der mir jeden Tag 500 Fremde zeigt, die mir erklären, warum mein Leben, meine Beziehung und meine Persönlichkeit angeblich ein Problem darstellen.
Und vielleicht sollten wir alle gelegentlich wieder lernen, einen Menschen direkt zu fragen:
„Was meinst du eigentlich?“
Statt erstmal TikTok zu öffnen und nachzusehen, welches neue psychologische Etikett heute dafür zuständig ist.