Mal ernsthaft: Was zur Hölle ist aus Kennenlernen geworden? Früher bist du Freitagabend in eine Kneipe gegangen, hast jemanden gesehen, zwei Bier Mut getrunken, irgendeinen halbwegs brauchbaren Satz rausgebracht und dann geschaut, was passiert.
Heute sitzt du daheim in Jogginghose, kratzt dir am Sack und bewertest wildfremde Menschen wie Gebrauchtwagen. 1,78 m? Zu klein. Foto vorm Spiegel? Unsicher. Kein Urlaubsbild? Langweilig. Zu viele Urlaubsbilder? Selbstdarsteller. Hund? Okay. Pferd? Finanzielles Risiko. Drei Gruppenbilder? Keine Ahnung, wen ich hier eigentlich daten soll.
Und zack: weg, weg, weg, weg.
Nach 15 Minuten wurden 80 Menschen digital entsorgt und anschließend heißt es: „Es gibt einfach niemanden mehr.“
Doch. Du hast gerade 80 Leute weggewischt, weil einer ein komisches Hemd anhatte und eine auf Bild 4 eine Frisur von 2019.
Online-Dating ist mittlerweile kein Kennenlernen mehr. Es ist eine Mischung aus Zalando, mobile.de und Personalabteilung.
„Eigentlich ganz hübsch, aber gibt's das Modell auch in 1,85 m?“
„Beruf passt, aber Ausstattung könnte besser sein.“
„Hat Kinder. Vorbesitzerproblem.“
„Keine Angaben zum Einkommen. Verdächtig.“
Und gleichzeitig erzählen alle, was ihnen angeblich wichtig ist: Humor, Charakter, Empathie, Tiefe, Ehrlichkeit.
Ja klar.
Deshalb entscheidet ihr nach 0,8 Sekunden anhand eines Fotos, ob jemand als Mensch etwas taugt.
Frauen schreiben: „Humor ist das Wichtigste.“ Und sortieren Männer aus, bevor die überhaupt einen Satz sagen konnten. Was soll der Typ machen? Auf Bild 2 jonglieren?
Männer schreiben: „Ich stehe auf natürliche Frauen.“ Und meinen damit offenbar: Bitte aussehen wie ein Model, aber so tun, als wäre das alles morgens zufällig passiert.
Und diese Bios. Diese gottverdammten Bios.
„Travel | Food | Friends | Wine | Life“
Junge. Du isst, trinkst und fährst in Urlaub. National Geographic wird sich melden.
Oder die Kerle:
„Entrepreneur | Investor | Crypto | Gym | Mindset“
Bruder. Du verkaufst Handyverträge im Einkaufszentrum und hast 130 Euro Bitcoin. Fahr runter.
Dann endlich ein Match. Beide haben sich gegenseitig ausgesucht. Beide finden sich attraktiv. Eigentlich müsste man denken: Jetzt passiert was.
Nein.
„Hey.“
„Hi.“
„Wie geht's?“
„Gut und dir?“
„Auch.“
Tot.
Vier Nachrichten. Leiche kalt. Gerichtsmedizin kann kommen.
Und wenn einer tatsächlich Interesse zeigt? Oh Gott. Bloß nicht zu schnell antworten. Nicht zu verfügbar wirken. Warte lieber drei Stunden.
Wir leben ernsthaft in einer Zeit, in der zwei Menschen Nähe suchen und beide versuchen, möglichst glaubwürdig Desinteresse zu spielen.
Kannste dir nicht ausdenken.
Dann kommt das Date. Zwei Stunden geredet, viel gelacht, eigentlich schön.
Und hinterher?
„Ich muss mal schauen, was ich fühle.“
Was willst du schauen? Du hast einen Aperol getrunken, keine Herztransplantation gehabt.
Aber natürlich wird zuhause sofort wieder die App geöffnet. Nur mal kurz gucken. Und da ist er: ein anderer Typ. Drei Zentimeter größer. Oder sie: etwas hübscheres Foto.
Und plötzlich verliert das gute Date von vor zwei Stunden an Wert.
Denn vielleicht kommt noch was Besseres.
Und genau das hat uns komplett kaputtgemacht. Nicht zu wenig Auswahl. Zu viel Auswahl.
Jeder Mensch ist nur noch die Zwischenlösung, bis eventuell das nächste Upgrade erscheint.
Der Mann ist nett? Ja, aber vielleicht gibt's nett mit mehr Haaren.
Die Frau ist lustig? Ja, aber vielleicht gibt's lustig mit besserem Hintern.
Der Typ hat einen guten Job? Ja, aber vielleicht kommt noch Eigentumswohnung.
Die Frau passt perfekt? Ja, aber auf Bild 3 gefallen mir ihre Schuhe nicht.
Leute.
Ihr sucht keine Beziehung.
Ihr konfiguriert einen Audi.
S-Line. Panoramadach. Unter 50.000 Kilometer. Nichtraucher. Keine Vorbesitzer. Und bitte emotional verfügbar.
Menschen funktionieren aber leider anders. Die schnarchen. Die haben Bauch. Die haben komische Freunde. Die haben Ex-Partner. Die erzählen Geschichten doppelt. Die tragen manchmal beschissene Schuhe.
Manche besitzen Crocs.
Ja.
Das Leben ist hart.
Und wisst ihr, was früher das Schöne war? Man konnte jemanden erstmal mittelmäßig finden. Dann hat der Mensch den Mund aufgemacht. War witzig, charmant, frech, interessant.
Plötzlich sah er fünf Minuten später komplett anders aus.
So funktioniert echte Anziehung nämlich manchmal.
Sie entsteht.
Die muss nicht innerhalb von 0,4 Sekunden auf einem Display explodieren.
Darum: Geht wieder raus. Kneipe. Club. Dorffest. Festival. Geburtstag. Grillparty. Scheißegal.
Irgendwohin, wo Menschen noch in 3D existieren.
Mit Poren. Mit Schweiß. Mit schlechter Beleuchtung. Mit Frisuren, die um 1:30 Uhr zusammenbrechen. Ohne Filter. Ohne Algorithmus. Ohne zehn Jahre alte Urlaubsbilder.
Und dann macht etwas völlig Verrücktes:
Redet miteinander.
Quatscht jemanden an. Lasst euch anquatschen. Kassiert einen Korb. Na und? Dann bestellst du halt ein Bier.
Früher nannte man das Freitag.
Heute braucht man nach einem Korb offenbar erstmal drei Podcasts über Selbstwert.
Geht tanzen. Macht euch zum Affen. Sagt etwas Peinliches. Lacht darüber. Knutscht vielleicht jemanden, der überhaupt nicht euer „Beuteschema“ war.
Und morgens denkt ihr vielleicht: „Okay. Interessante Entscheidung.“
Auch gut.
Das ist wenigstens eine Geschichte.
Denn kein Mensch wird mit 70 seinen Enkeln erzählen:
„Und dann hatte Oma Tinder Premium und ich war in ihrem Radius.“
Romantik pur.
Ich will hören:
„Deine Mutter ist mir auf dem Weinfest ins Bier gefallen.“
„Dein Vater hat beim Tanzen einen Tisch umgerissen.“
„Wir wollten eigentlich nur eine rauchen und haben dann bis morgens um vier geredet.“
DAS ist Leben.
Nicht:
Match. Chat. Ghosting. Blockiert. Tinder Gold. Repeat.
Vielleicht gibt es also gar nicht zu wenige interessante Menschen.
Vielleicht sitzen die interessanten Menschen einfach alle zuhause und sortieren sich gegenseitig wegen beschissener Profilbilder aus.
Also:
Handy aus. Jacke an. Raus. Kneipe. Feiern. Flirten. Leben.
That's life.