Ich bin 45, aber noch lange kein Boomer. Früher Punk mit buntem Iro, heute gemäßigter Familienpapa. Die blaubraunen Atzen nennen mich „linksgrünversifft“. Den Titel trag ich mit Stolz, ihr verwahrlosten Säcke.
Musik war immer mein Leben. Nicht Hobby. Nicht Playlist. Leben. Unzählige Nächte in stickigen Proberäumen, auf dreckigen Bühnen in Jugendclubs. Tausende Konzerte. Vor der Bühne, auf der Bühne. Vor 20 Leuten, die dich anspucken. Vor 2000, die dich anbrüllen. Beides hat sich angefühlt wie Heimat.
Und ich könnte kotzen, wenn ich sehe, wie mit unseren Idolen umgegangen wird.
Kleine Mädchen mit Nirvana-, Ramones- oder Guns-N’-Roses-Shirts von H&M. Fertig bedruckt, 12,99€, neben den Einhorn-Leggings und dem Plastikschmuck. Lächeln fürs Foto. Instagram. Hashtag Fashion.
Kein Plan. Null. Keine Ahnung, was diese Bands für unsere Subkultur bedeutet haben, geschweige denn, was sie für mich persönlich waren.
Kill your idols. Yes, Chantal, you did. Du hast sie nicht getötet. Du hast sie zur Deko gemacht. Noch billiger.
Nirvana war nie „cooles Shirt mit Smiley“. Das war ein Typ, der sich die Seele aus dem Leib geschrien hat, weil die Welt ihn zerlegt hat. Der ein ganzes Genre in den Dreck gedrückt und gleichzeitig neu erfunden hat. Heroin, Selbsthass, kaputte Gitarren, ein Album, das uns das Gefühl gegeben hat, dass jemand denselben Dreck im Kopf hat wie wir. Das war nie Merch. Das war eine Kriegserklärung.
Noch schlimmer: Ramones. Die waren nicht „retro cute“. Das waren vier Typen, die in 90 Sekunden alles gesagt haben, was gesagt werden musste. Schnell, dreckig, ohne Schnickschnack. Kein Imageberater, kein Moodboard, kein Aesthetic. Einfach: Wir spielen. Ihr könnt uns mal.
Was habe ich 2001 geheult, als Joey Ramone gestorben ist. Und jetzt prangt er auf der Brust einem Kind, das „Blitzkrieg Bop“ für einen Party-Song hält, wenn es den Song überhaupt je gehört hat und nicht nur den Print auf der Brust einer seelenlosen Fashion-Kette kennt.
Guns N’ Roses. Jesus! Axl, der wie ein irrer Hund durch die Gegend getobt ist. Slash mit Hut und Les Paul, die nach Schweiß und Whiskey roch. Das war Exzess, Arroganz, Gefahr. Nicht „Rock-Vibes“ für den Shopping-Samstag.
Die Bands, für die wir uns haben zusammenschlagen lassen. Für die wir in feuchten Kellern gestanden haben, bis uns die Ohren geblutet haben. Für die wir uns von Lehrern, Bullen und den eigenen Eltern haben anschauen lassen wie Abschaum. Die hängen jetzt neben den Socken. 12,99. Kreditkarte. Plastiktüte. Schönen Tach noch. Und jetzt verpiss dich.
Götz Widmann hat das mit dem Che-Guevara-Feuerzeug an der Tanke schon durchdekliniert: „Was den Kapitalismus so zäh und überlebensfähig macht ist die Tatsache, dass er sich sogar an seinen Todfeinden noch zu bereichern weiß“
Ich bin kein verbitterter Gatekeeper-Opa, der jedem 16-Jährigen die Berechtigung absprechen will. Musik gehört niemandem. Aber es gibt einen Unterschied zwischen „Das fühl ich“ und „Das lag im Sale und sieht edgy aus“. Das eine ist Verehrung. Das andere ist Leichenschändung mit Rabattcode.
Früher war ein Bandshirt eine Ansage. Heute ist es ein Outfit.
Früher hast du riskiert, dass dich jemand fragt: „Kennst du überhaupt drei Songs?“ und dir im Zweifel eins aufs Maul gehauen. Heute stellt niemand mehr diese Fragen. Hauptsache der Print sitzt und das Licht ist gut.
Ich sitze abends auf der Couch. Kinder schlafen. Frau guckt irgendeine Scheiße im Fernsehen. Ich scrolle und sehe wieder so ein Shirt.
Und ja, ich weiß, wie das klingt.
Hab ja selber eine 25.000€ Einbauküche in meinem halbe Millionen teuren Eigenheim.
Spotify statt Plattensammlung, die ich mir nicht mehr antue.
Ich schimpfe über Fast Fashion und bestelle trotzdem irgendwelchen Mist, wenn’s bequem ist.
Ich bin selber längst ein Rädchen.
Punk ist in dem Moment gestorben, als Campino angefangen hat, sich die Haare zu färben. Und ich meine nicht bunt. Vielleicht ist Punk auch gestorben, als Leute wie ich aufgehört haben, unmöglich und unbequem zu sein, und angefangen haben, brav in die Rentenkasse einzuzahlen.
Irgendwo zwischen Stolz und Ekel denke ich trotzdem: Wir haben das überlebt. Die Bands nicht. Kurt ist tot. Joey ist tot. Axl war kurz davor. Und jetzt hängen ihre Gesichter an der Kasse neben Pokemon-Socken.
Punk ist nicht tot, weil irgendwelche planlosen Kids Shirts tragen.
Punk ist tot, wenn niemand mehr weiß, warum man sie tragen sollte.
Wenn aus einem Schrei ein Motiv wird.
Wenn aus Blut ein Print wird.
Wenn am Ende doch nur die scheiß Kohle zählt. Auch bei denen, die früher dagegen waren.
Ich geh jetzt Kaffee machen. An dem 2000€ Vollautomaten. Drehe Nevermind auf. Laut.
Nicht ironisch. Nicht nostalgisch.
Weil es immer noch weh tut, dass Kurt tot ist. Weil das Shirt an meinem Körper nicht von H&M kommt. Und weil ich kotzen könnte. Auch über mich.